»Wie eine Geschichte entsteht« oder
»Aller Inhalt ist eine schwere Geburt«
Bin gerade dabei, eine neue Geschichte aufzuschreiben.
Eigentlich ist es eine alte Geschichte.
Mindestens 30 Jahre und x Tage.
Und mit jedem Tag werden es mehr.
Bevor sich keiner mehr daran erinnern kann, sollte man – also ich – sie (die Geschichte) zu Papier bringen.
Obwohl, zu PC wäre richtiger.
Ihr werdet feststellen, dass nicht nur aller Anfang schwer ist.
Und so beginnt sie:
Die Älteren unter uns kennen noch den Spruch ›Schmerz lass nach‹. Der war mal so geläufig wie die Karl-May-Weisheit ›Indianerherz kennt kein‘ Schmerz!‹
Kennt heute kaum noch jemand – ist quasi ausgestorben!
Nicht die Indianer – der Spruch.
Die Indianer leben noch.
Heißen heute nur anders. Heute sagt man ‚First Nation‘.
Die Second Nation zu den First.
Also die Amis zu den Indianern.
Wie die früher hießen, weiß keiner.
Sind alle tot.
Also die, die das wussten.
Na, jedenfalls leben sie noch, die Indianer.
Gut, nicht die aus Karl Mays Zeiten.
Die sind tatsächlich tot. Alle. Auch Winnetou.
Karl May übrigens auch. Schon lange.
Tut jetzt aber nichts zur Sache.
Ich merke, dass ich immer weiter weg vom Thema komme.
Das muss ich später alles wieder auftrennen. Reine Zeitverschwendung das!
Zurückgespult auf Anfang, den mit dem Schmerz –
Die Geschichte handelt also vom Schmerz, nein, eher vom Plural, also von Schmerzen. Wenn das Aua mal so groß ist und so lange dauert, ist Einzahl halt viel zu wenig.
Beides spielt am Meer – die Schmerzen und meine Geschichte. Genauer gesagt in Ligurien, Italien.
Ligurien liegt am Meer. Italien auch.
Glaube ich, war lange nicht mehr da.
So steht‘s jedenfalls in Wikipedia.
Merke, dass ich es schon wieder tue. Ich meine das mit dem Abschweifen.
Jedenfalls spielt das Meer eine wichtige Rolle. In meiner Geschichte.
Und ein Schuh.
Eigentlich kommt der gar nicht in ihr vor. Weil … er fehlte schlichtweg.
Trotzdem spielt er eine Rolle. Fast schon eine tragende. Obwohl, in diesem Fall eher eine ›ungetragene‹.
Merke, dass ich schon wieder abschweife – ich muss dringend straffen.Weiter im Text.
Heike und ich badefertig am Strand. In Badehose und Bikini.
Also Heike im Bikini. Ich nicht.
Bikini sieht an ihr einfach besser aus.
Mir fehlt die Oberweite.
Gefühlt, nicht gemessen.
Ob ich Lust hätte, mit ins Wasser zu kommen?
Ungern, erwidere ich.
Ja-ja, sie wisse schon, mault Heike. Meine Gummischuhe habe sie ja nicht mit Absicht in ›CaNo‹ (Casa Nonnenmacher) vergessen.
»Die habe ich extra für hier gekauft«, maule ich. Weil nämlich der Untergrund hier so steinig sei. Eigentlich sei das hier überhaupt kein Strand, kaum Sand, nur grobe Steine.
Der wenige Sand reiche gerade dazu aus, um in die Sandalen zu kriechen und beim Laufen wunde Stellen zu erzeugen.
Und was, wenn ich in Wasser in etwas scharfes träte? Beispielsweise in einen Kronkorken? Bei meinem Glück läge der mit den Zacken nach oben. Kannste drauf wetten!
Oder gar zerbrochenem Glas?
Die schmeißen hier doch alles ins Wasser!
Ach Quatsch, hält Heike dagegen.
Quatsch ist für sie anscheinend ein stichhaltiges Argument. So wie ‚Bullshit‘. Kann niemand widerlegen. Ist so, Punkt!
Fakt folgt Wunsch, denke ich. Weiberlogik halt! Ist so, Punkt!
Zustimmung von neutraler Seite wäre jetzt recht, aber natürlich ist gerade kein Schweizer zur Hand.
Versuche, mir bei Einheimischen die dringend benötigte Rückversicherung einzuholen, aber leider verstehen die kein Italienisch.
Jedenfalls nicht ›corona di sughero‹, meine wörtliche Übersetzung von ›Krone‹ und ›Korken‹. Die seien doch ›molto pellegrino‹ – also sehr gefährlich, capisce?
Ich ernte nur verständnislose Blicke.
Glasscherbe habe ich gar nicht erst probiert.
Heike meint schließlich, ich solle nicht so eine Pussie sein.
Heute sei Freitag, wende ich ein.
Ja und?
Der Dreizehnte!
Den gäbe es in Italien nicht.
Heute sei in Italien nicht Freitag der Dreizehnte?
Doch, retourniert die beste aller Beziehungshälften, aber der Dreizehnte gälte hier nicht. Außerdem glaube ich sonst ja auch nicht an Religion, Astrologie und so’n Zeug.
Stimmt. Alles Humbug und Aberglaube! Trotzdem sei heute Freitag der Dreiz…
»Oh halt endlich dei Lapp ond gang met ens Wassr«, tönt es mir auf echt schwäbisch entgegen.
Das scheinen sogar die Italiener verstanden zu haben. Jedenfalls drehen sich alle weg und schreiten gen Mare.
Ohne Badeschuhe. Wie die Lemminge.
Müssen Hornhäute haben dick wie Schildkrötenpanzer.
Oder kein Schmerzempfinden.
Ich gebe meine Verteidigungshaltung auf und trotte Heike schicksalsergeben nach.
Ich solle aufpassen, warnt mich eine Italienerin, manchmal habe es ›ricci di mare‹, die seien gefährlich.
Ich verstehe ›radici‹. Aah, denke ich, Meereswurzeln.
Klar, da kann man drüber stolpern.
Keine Angst, versichere ich, ich hätte noch gute ›gucci‹, also Augen!
Wie gut, dass ich polyglott bin.
Die ›occhi‹, sprich Augen hinter der Gucci-Brille schauen mich verständnislos an. Mich beschleicht das Gefühl, dass ich dringend an meinem Italovokabeln arbeiten sollte.
Fremdsprachen helfen weiter.
Besonders in der Fremde.
Mir entging jedenfalls, dass die besorgte First Nation-Lady mich vor Seeigeln warnen wollte.
Vorsichtig stakse ich ins Meer, argwöhnisch nach den gefährlichen Fußangeln spähend.
Da ist so eine! Sieht aus wie vermodeter Seetang. Vorsichtig steige ich darüber hinweg.
Der Weg sei sicher, versichere ich Heike und mache einen weiteren Schritt.
Sofort durchzuckt mich ein stechender Schmerz – aaarrgh!
Verdammt, schreie ich auf, ich sei in etwas Schmerzhaftes getreten.
Glasscherbe oder Korken?
Keine Ahnung!
Blutet es?
Noch nicht!
»Zeig mal her – also ich sehe nichts.«
Eine Italienerin – die mit der Gucci-Brille – schaut ihr über die Schulter.
»Si, un riccio di mare«, stellt sie nickend fest.
Mit Heikes Händen formt sie eine Kugel.
Dabei bläht sie die Backen auf.
Gleichzeitig piekst sie mit dem Zeigefinger mehrmals in die Kugel.
»Come stuzzicadenti«, erklärt sie.
»Was meint sie?«
»Sie sagte ›wie Zahnstocher‹.«
»Das war kein Zahnstocher!«, protestiere ich.
»Du bist anscheinend in einen Seeigel getreten.«
»Warum sagt einem das kei…«
Die Italienerin redet mit Heike. Mit Händen und Füßen.
Ich höre Wortfetzen wie »tipico« und »uomi«.
Heike lacht und scherzt zurück: »E vero!«
Anscheinend verbrüdern sich beide. Oder sagt man verschwestern?
Eigentlich fühle ich mich jetzt vernachlässigt.
»Sie sagt, sie hätte dich extra noch gewarnt.«
»Hat ja auch bestens geklappt«, maule ich zurück. »Auf jeden Fall muss hier raus. Bevor am Freitag den Dreizehnten noch was passiert – ha ha.«
Gucci und Heike helfen mir beim hinaushinken.
Hier am Strand könne man nichts unternehmen.
Ob ich zum Arzt wolle?
No, grazie! Ich lehne dankend ab.
Stachel aus der Haut puhlen könne man auch selber.
Wer mit ›man‹ und ›selber‹ gemeint sei, will Heike wissen.
»Ja du natürlich. Oder kennst du hier noch eine MTA?«
Eine schmerzhafte Stunde später finde ich mich auf einer Liege in CaNo wieder.
Vor mir kniet die versierte Praxishelferin, in der Hand das OP-Besteck.
Das besteht im Wesentlichen aus einer Pinzette und einer ausgeglühten Sicherheitsnadel.
Die hielt bis gerade eben noch einen Vorhang zusammen. Womit bewiesen ist, es ist nicht wichtig, wofür du bestimmt warst, entscheidend ist, was du kannst!
Aua, schreie ich, das täte viehisch weh.
Könne sie jetzt auch nicht ändern, meint Heike mitleidlos.
John Wayne hätte bei solchen Prozeduren auf eine Patrone gebissen, merke ich an.
Wo sie jetzt eine Patrone herkriegen solle, fragt Heike.
Whiskey ginge auch, schlage ich vor.
In Westernfilmen tränken sie immer Bourbon, bevor sie Indianerpfeile aus Schultern zögen.
Maura, die Hausherrin wendet ein, in Italien tränke man keinen Whiskey, nur Grappa. Den habe man aber nicht im Haus. Nur ein Glas mit in Alkohol eingelegter Kirschen.
Na, dann her damit, insistiere ich auf der Betäubung. Hauptsache, die Schmerzen würden erträglicher.
Und so ergibt es sich, dass Heike und ich um die Wette puhlen: sie mit Pinzette und Nadel nach den Resten der Seeigelstachel; ich mit ’stuzziccadente‘ nach den alkoholisierten Kirschen.
In kürzester Zeit steigt mein Blutalkohol in den Bereich einer Cognacbohne.
Das Zeug schmeckt nicht nur mit jeder Kirsche besser, es wirkt auch!
Ich habe zwar nach wie vor Schmerzen, aber die werden mir mit jeder Schnapsfrucht egal und egaler.
Oder sagt man egäler?
Sei’s drum – das Glas mit den eingelegten Kirschen leert sich im selben Verhältnis, in dem meine Stimmung steigt.
Ich bin voll.
Die Kirschen sind der Hammer.
Die letzten spüle ich mit dem Rest des Glasinhalts hinunter.
Heike ist gleichfalls fertig.
Das nennt man Timing.
Operateurin und Anästhesist klatschen sich ab.
Der Patient atmet auf.
»S‘ hassu gaaanz prima hinnekricht!«, lobt er sie.
Nicht nur das, meint Heike schüchtern.
Beim Auspacken der Strandtasche hätte sie auch meine Schuhe gefunden.
Die, die ich extra für den Strand und das Meer gekauft hatte.
Ich versuche, sie zu erwischen, plumpse aber wie ein Maikäfer zurück auf den Rücken.
»Na warte«, lalle ich, »ssobald is wieder auf meine Fü.. hups … Füssse komm, dann werde ich .. werde ich … chhrrr!«
Ein gnädiger Schleier des Vergessens umfängt mich und schaltet jeden Schmerz ab.
Den im Fuß.
Den im Kopf nicht.
Aber der kommt erst morgen.
Am Tag nach Freitag dem Dreizehnten.