Kurz vor drei, an einem letzten Sonntag im Oktober …

♪ Timebomb
(Chumbawamba)
Es ist mitten in der Nacht.
Missbilligend registriert das Gehirn einen schrillen Ton.
Der fräst sich mitleidlos durch meine Ohnmacht.
Wie ein Dentalbohrer durch Karies.
Klingelt da jemand Sturm?
Nee, doch nicht um die Uhrzeit.
Wie spät is‘ eigentlich?
Egal – bestimmt ganz viel nach dunkel.
Das klingelt doch kein normaler Mensch. Jedenfalls keiner, der die Nacht unbeschadet überleben will.
Widerstrebend tauche ich aus meinem komatösen Schlaf auf. Wie ein Mooropfer aus einem zähen, saugenden Sumpf.
Wo bin ich und warum hört dieses verdammte Klingeln nicht auf? Kann das ein Tinnitus sein?
Nein, dazu klingt der Ton zu vertraut. Eher wie eine Türglocke. Eine schwer missbrauchte.
Orientierungslos hebe ich den Kopf.
Von meinem Mundwinkel baumelt irgendwas Plüschiges. Mit Zunge und Backenzähnen teste ich die Konsistenz. Gottseidank, das Gehege meiner Zähne ist offenbar noch komplett. Das Zeug selbst kaut sich wie Watte – mit einem eigentümlich herben Nachgeschmack.
Kraftlos plautzt mein Kopf zurück aufs Kissen. War ich beim Zahnklempner und erwache gerade aus der Narkose? Himmel, was hat der mir denn gespritzt?
Ist ja ’n Hammerzeug!
Allmählich nehme ich meine Umgebung wahr. Ich liege auf meiner Hälfte unseres Ehebetts. Bäuchlings. Die Schwerkraft drückt mich nieder wie eine Bleiweste. Verstreut um mich herum zerwuselte Kleidungsstücke.
Ich wälze mich auf den Rücken. Im Zeitlupentempo bekomme ich meinen Oberkörper in die Senkrechte. Selbst im Sitzen verspüre ich leichten Seegang. Das Innenohr kämpft beharrlich um die Wiedererlangung des Gleichgewichts. Ein paar Mal den Kopf geschüttelt hilft.
Zahnarzt? Nee, das hier ist anders. Nochmal Glück gehabt, um eine Wurzelbehandlung bin ich wohl herumgekommen.
Mein Zustand deutet eher auf Alkoholabusus. Passt auch zu dem flauen Gefühl in meinem Magen. Genau, am Abend zuvor gab es eine reichlich trinkfreudige Herrenrunde! Um derlei Exzesse sollte ich künftig besser einen Bogen machen – man(n) ist schließlich nicht mehr der Jüngste.
Was war da noch gleich? Richtig, die Klingel! Ich muss dringend zur Tür und dem penetranten Gebimmel ein Ende bereiten.
Vorher sollte ich aber was anziehen – vom Halse abwärts bin ich barfuß. Mein Schlafanzug liegt unbenutzt neben mir auf dem Bett, noch genau so, wie meine fürsorgliche bessere Hälfte ihn mir hingelegt hatte. Dann ist sie allerdings mit dem Töchterchen zu einem Kurztrip ausgerückt und hat mich allein zurückgelassen.
Mutter-Tochter-Zeit.
Gut, dass die mich jetzt nicht sehen können. Das gäb eine Predigt!
Ich schnappe mir den Pyjama. Beharrlich versuche ich, mit beiden Beinen in dieselbe Hosenröhre zu steigen. Wegen des Seegangs kein leichtes Unterfangen. Nach einigen Fehlversuchen gebe ich auf – es war eh das Oberteil.
Schließlich finde ich in dem ganzen Kuddelmuddel irgendeinen Umhang. Mit ungelenken Bewegungen streife ich den Morgenmantel über. Den meiner Angetrauten. Er ist mir Pi mal Daumen vier Konfektionsgrößen zu klein. Wird nicht leicht sein, der besten Ehefrau von allen morgen die geplatzten Nähte an ihrem Lieblingsstück zu erklären.
Schlingernd wie ein Küstenboot suche ich die Fahrrinne durch den dunklen Flur. Mit beiden Händen ertaste ich mir den Weg zur Haustüre.
Geschafft! Argwöhnisch öffne ich.
»Moggäään!«
UPS!
Aus tiefschwarzer Nacht blendet mich ein reinweißes Gebiss, grell wie eine 1000-Watt-Lampe. Ich sehe nur diese schwebende Lichterkette. Keinen Körper, kein Gesicht, nur dieses strahlendweiße Lacalut-Lächeln.
Es dauert ein paar Sekunden, dann erkenne ich, wer mich da aus dem Schlaf gerissen hat. Vor mir stehen 240 Pfund dunkelhäutige Munterkeit, den Barcodescanner bereits gezückt.
Sein Finger klebt offensichtlich weiter auf dem Klingelknopf. Jedenfalls hört mein Tinnitus einfach nicht auf.
»Famma«, bringe ich eigentümlich nuschelnd hervor, »haffu Padeff amme Fimma?«
Der Uniformierte blickt mich verständnislos an. Ich sollte endlich das baumelnde Etwas von meinem Mundwinkel entfernen. Weiß der Geier, was das ist.
Mit einem beherzten Ruck reiße ich den Fetzen weg – waaaaah! Die Socke nimmt gefühlt meine halbe Unterlippe mit. Der scharfe Schmerz macht mich endgültig wach. Meine Empörung klingt nun umso authentischer:
»Sag mal, hast du Pattex an den Fingern?«, pampe ich in die Dunkelheit. »Nimm endlich den Daumen von meiner Klingel. Hast du eine Ahnung, wie spät es ist?«
»Klar, swei Minuhdä vor drei Uah!«, antwortet der Nachtbote bereitwillig.
Seinen Finger hat er längst nicht mehr auf der Klingel, trotzdem schellt es munter weiter. Der Klingelknopf hat sich vermurkst. Eine präzise und entschiedene Rückhand des Boten löst das Problem.
Die Klingel implodiert und verstummt.
Na toll, denke ich missvergnügt. Die hat’s jetzt hinter sich.
»Verbindlichsten Dank für die Auskunft und die Klingelreparatur! Darf ich jetzt weiterschlafen?«
Ich will die Türe schließen, aber ein Fuß steckt im Rahmen. Offensichtlich ist Hermes im Umgang mit störrischen Kunden geschult.
»Halt! Musse doch noch Sch-dundä abgebbe für … was dahs Name? Wie man sch-bräsche dahs?«
Dabei hält er mir irgendein Papier unter die Nase. Meine Brille liegt gerade wer weiß wo im Haus. Nach mehreren Anläufen, wiederholtem Blinzeln und Augenreiben entziffere ich schließlich den Aufschrieb.
Leicht genervt lese ich den Namen.
Also meinen.
Eigentlich ist es weniger ein artikuliertes Vorlesen, eher ein unverständliches Lallen. Der Blutverdünner Weißbier wirkt noch nach. Die Unterlippe ist auch etwas mitgenommen. Wortwörtlich.
»Niggese verstehe«, reklamiert der Bote umgehend. Laut und herzhaft gähne ich nochmals meinen Namen und reiche den Wisch zurück.
»Wie? Bidde nomalla!«
Gottseidank kenne ich meinen Namen auswendig. Unwillig deklamiere ich genervt Letter für Letter.
»Und du wer?«, will mein Gegenüber jetzt wissen.
»Wer ich bin? Das kann ich dir sagen: ich bin ein notorischer Nachtschläfer, dank dir bin ich ab jetzt ein Erweckter!« – Mal sehen, wie mein Gegenüber mit Ironie klar kommt.
»Egal, wenn der Typ niggese da, isch gebbe dir. Du da undaschreibe.«
Offensichtlich besitzt der Zeitbote keine Rezeptoren für meinen sublimen Humor. Verständlich, um die Uhrzeit!
»Na, gib schon her, damit endlich wieder Ruhe ist! Nacht!«
Schlurfend taste ich mich zurück ins Schlafzimmer und lasse mich vornüber aufs Bett fallen. Einschlafen kann ich erst mal nicht – war ja klar! Weil schon mal wach bin, pflege ich irgendwann die Zeitgutschrift in meinen Wecker ein. Was weck ist, ist weck – ha-ha!
Schließlich döse ich doch wieder ein.
RING — RING — RING-RING-RIIIIIIING!!!
Ich schrecke von meinem Kissen hoch. Aha, die Klingel hat offensichtlich doch noch Leben in sich.
Mit verquollenen Äuglein versuche ich, die Leuchtziffern auf dem Wecker zu erkennen. Was? Schon wieder drei Uhr? Durchlebe ich gerade Bill Murrays Murmeltier-Tag?
Ach ne, oder ja klar, diese beknackte Zeitgutschrift! Hundemüde lasse ich mich aus dem Bett plumpsen und ziehe mich am stummen Diener hoch. Schicksalsergeben schlurfe ich zur Haustür. Gut, dass ich Morgenmantel und Pantoffeln noch nicht ausgezogen habe.
»Moggäään!«
Oh Heiland, bitte nicht schon wieder dieser hartnäckige Irre von der Zeitagentur! Und natürlich hat er den Fuß wieder im Türspalt.
»Sag mal, Kunta Kinte, was stimmt nicht mit dir? Hast du ’ne massive Schlafstörung? Oder hast du kein Zuhause? WARUM RAFFST DU NICHT, DASS ICH MEINE RUHE HABEN WILL!?«
»Musse noch Sch-dundä abgebbe für Nachbarre, abba seit eine Sch-dundä diese nigesse mache auf. Du nehme Sch-dundä für gute Nachbarre, okay?«
Nur mit Mühe gelingt es mir, die Contenance zu bewahren. Eigentlich will ich jetzt dringend jemanden an den Kragen.
»Kollege, jetzt mal ganz prinzipiell: Was du mit dieser ‚Sch-dundä‘ machst, ist mir piepenhagen, und zwar so was von! Klingelst du mich noch einmal mitten in der Nacht aus meiner Heia, dann ziehe ich dir die Testikel auf links! Ist das angekommen? So, hier hast du zehn Tacken für den Schreck. Mach dir ’ne geile Nacht damit und lass mich endlich schlafen!«
PENG! Die Tür ist zu.
Nach dieser eindringlichen Drohung bleibe ich von weiteren Störungen verschont und schlafe tief und fest. – – –
Das anregende Aroma frisch gebrühten Kaffees erfüllt das Schlafzimmer und kitzelt meine Nase. Ein schnelles Blinzeln bestätigt mir, dass es sich nicht um eine delirische Halluzination handelt.
Auf dem Nachttisch steht tatsächlich ein dampfender, verführerisch duftender Espresso – ein echter Lebensretter!
Kann eigentlich gar nicht sein, ist sicher nur ein Trugbild. Zögerlich tasten sich meine Finger voran. Die Fatamorgana ist heiß. Freudig greife ich zu und führe die Tasse an die Restbestände meiner Unterlippe – aaaah, das tut gut!
Das Leben kehrt zurück.
»Sag mal, Schatz«, will das Koffeinheißgetränk wissen, »möchtest du heute gar nicht mehr aufwachen?«
Dabei ahmt die Tasse den Tonfall der Angetrauten perfekt nach.
Tassen-Talk? Seit wann kann Kaffee …?
Schlagartig bin ich wach! Mist, die Gattin ist bereits zurück von ihrem Weekendausflug. Ist es tatsächlich schon so spät? Und ich flacke noch im Bett!
»Ich bin schon seit Stunden wieder hier, aber du warst einfach nicht wach zu bekommen. Ich habe geklingelt und geklingelt! Wir hatten uns schon Sorgen gemacht. Ich hatte doch nur den Autoschlüssel dabei. Gottseidank hat die Nachbarin den Notfallschlüssel.«
Ihre Stimme klingt tatsächlich besorgt. Vermutlich deswegen haben ihre nächsten Sätze einen nur mäßig vorwurfsvoll klingenden Unterton:
»Du lagst hier in diesem … diesem unbeschreiblichen Chaos. Kaum wachzukriegen. Und brabbelst du was davon, dass ich meinen Hintern in Sicherheit bringen solle – du seist nicht bereit, auch nur eine einzige weitere Stunde anzunehmen!?«
Ich versuche umständlich zu erklären, was mir in der Nacht widerfahren ist. Ihrem Gesichtsausdruck ist deutlich anzumerken, dass sie sowohl meine Schilderungen anzweifelt. Meinen Geisteszustand sowieso.
»Trink jetzt deinen Kaffee und komm mal in die Puschen. Du musst noch die Uhren umstellen, schließlich bist du der Techniker! Und zieh endlich meinen Morgenmantel aus! Über einen neuen sprechen wir noch.«
Von mir aus kann sich die Welt diese Stunde irgendwohin stecken – die kann mir gestohlen bleiben!
Allerseits viel Spaß beim Uhrenstellen!