Zeitumstellung

Kurz vor drei, an einem letzten Sonntag im Oktober

Mitten in der Nacht – unwillig registriert das Gehirn den schrillen Ton, der sich durch den Tiefschlaf fräst wie ein Dentalbohrer durch Karies. Irgendwas klingelt Sturm! Widerstrebend tauche ich aus komatöser Betäubtheit auf wie ein Mooropfer aus einem zähen, saugenden Sumpf. Wo bin ich und warum hört dieses verdammte Klingeln in den Ohren nicht auf? Tinnitus? Nein, dazu klingt der Ton zu vertraut nach unserer Türglocke. Orientierungslos hebe ich den Kopf. Aus dem Mundwinkel herab baumelt ein undefinierbares, plüschiges Etwas. Kaut sich wie eine Tamponade. Kraftlos plautzt mein Kopf zurück aufs Kissen. Bin ich beim Zahnklempner und erwache gerade aus der Narkose? Himmel, was hat der mir denn gespritzt? Ist ja ’n Hammerzeug!

Ich liege bäuchlings auf meiner Hälfte des Ehebetts. Bleischwer. Um mich herum zerwuselte Kleidungsstücke. Langsam taumle ich in die Senkrechte. Mein Innenohr kämpft um die Wiedererlangung des Gleichgewichts. Ein paar Mal den Kopf geschüttelt hilft. Nee, Zahnarzt is‘ anders. Um die Wurzelbehandlung bin ich anscheinend herumgekommen. Der dumpfe Geschmack in meiner Mundhöhle deutet eher auf Zustand nach Alkoholabusus. Richtig, am Abend zuvor hatte es eine reichlich trinkfreudige Herrenrunde! Um derlei Exzesse mache ich künftig besser einen größeren Bogen – Mann ist schließlich nicht mehr der Jüngste.

Was war noch mal angesagt? Genau, die Klingel! Ich muss dringend zur Tür und diesem unsäglichen Gebimmel ein Ende bereiten. Vorher aber noch was anziehen – vom Halse abwärts bin ich barfuß. Der Pyjama liegt noch unbenutzt auf dem Bett. Meine bessere Hälfte hatte vor ihrem Kurztrip extra einen frischen für mich zurecht gelegt. Beharrlich insistiere ich darauf, mit beiden Beinen in dieselbe Hosenröhre zu steigen. Wegen des starken Seegangs kein leichtes Unterfangen. Nach einigen Fehlversuchen lasse ich davon ab – war sowieso das Oberteil. Schließlich finde ich in dem ganzen Kuddelmuddel irgendeinen Umhang. Mit ungelenken Bewegungen streife ich der Angetrauten Morgenmantel über, der mir Pi-mal-Daumen knappe vier Konfektionsgrößen zu klein ist. Wird nicht leicht sein, der besten Ehefrau von allen morgen die geplatzten Nähte an ihrem Lieblingsstück zu erklären. Mit beiden Händen an der Flurwand und schlingernd wie ein Küstenboot ertaste ich mir den Weg zur Haustüre. Argwöhnisch öffne ich.

»Moggäään!«

UPS! Aus tiefster Nachtschwärze strahlt mich ein reinweißes Gebiss an, grell wie eine 1000-Watt-Lampe. Ich sehe nur eine schwebende Lichterkette. Keinen Körper, kein Gesicht, nur dieses blendend weiße Lacalut-Lächeln. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich erkenne, wer mich aus dem Schlaf gerissen hat. Vor mir stehen 120 Kilo dunkelhäutige Munterkeit mit gezücktem Barcodescanner. Der Finger klebt offensichtlich weiter auf dem Klingelknopf. Jedenfalls hört der Tinnitus nicht auf.

»Famma«, bringe ich eigentümlich nuschelnd hervor, »haffu Padeff amme Fimma?«

Der Uniformierte blickt mich interessiert, aber verständnislos an. Ich sollte endlich das störende Etwas entfernen, das immer noch von meinem Mundwinkel herabbaumelt. Weiß der Geier, wie das da hingekommen ist. Mit einem beherzten Ruck reiße ich den Fetzen weg – aaaaargh! Die Socke nimmt gefühlt die halbe Unterlippe mit. Der scharfe Schmerz macht mich endgültig wach. Meine Empörung klingt nun umso authentischer:

»Sag mal, hast du Pattex an den Fingern? Nimm endlich den Daumen von meiner Klingel. Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«, pampe ich in die Dunkelheit.

»Klar, swei Minuhdä vor drei Uah!«, antwortet der Nachtbote bereitwillig. Seinen Finger hat er längst nicht mehr auf der Klingel, trotzdem schellt es munter weiter. Der Klingelknopf hat sich vermurkst. Eine präzise und entschiedene Volley-Rückhand des Boten löst das Problem. Die Klingel implodiert und verstummt. Na toll, die hat’s jetzt hinter sich, denke ich missvergnügt.

»Verbindlichsten Dank für die Auskunft und die Klingelreparatur! Darf ich jetzt weiterschlafen?«

Ich will die Türe schließen, aber ein Fuß steckt im Rahmen. Offensichtlich ist Hermes im Umgang mit störrischen Kunden geschult.

»Halt! Musse doch noch Sch-dundä abgebbe für … was dahs Name? Wie man sch-bräsche dahs?«

Dabei hält er mir irgendein Papier unter die Nase. Meine Brille liegt wer weiß wo im Haus. Nach mehreren Anläufen mit wiederholtem Blinzeln und Augenreiben entziffere ich mühsam den Aufschrieb. Leicht genervt lese ich vor. Den Namen. Also meinen. Eigentlich ist es weniger ein artikuliertes Vorlesen, eher ein unverständliches Lallen. Der Blutverdünner Weißbier wirkt noch nach. Die Unterlippe ist auch etwas mitgenommen. Im wörtlichen Sinn. 

»Niggese verstehe«, reklamiert der Bote umgehend. Laut und herzhaft gähne ich nochmals meinen Namen und reiche den Wisch zurück.

»Wie? Bidde nomalla!«

Gottseidank kenne ich meinen Namen auswendig. Unwillig buchstabiere ich Letter für Letter.

»Und du wer?«, will mein Gegenüber jetzt wissen.

»Wer ich bin? Das will ich dir sagen: ich bin eigentlich ein Nachtschläfer, aber dank dir bin ich jetzt ein Erweckter!«  Mal sehen, wie mein Gegenüber mit Ironie klar kommt.

»Egal, wenn Typ niggese da, isch gebbe dir. Da undaschreibe.«  Offensichtlich besitzt der Zeitbote keine Rezeptoren für sublimen Humor. Verständlich, um die Uhrzeit!

»Na, gib schon her, damit endlich wieder Ruhe ist! Nacht!«  Schlurfend taste ich mich zurück ins Schlafzimmer und lasse mich kopfüber aufs Bett fallen. Einschlafen kann ich erst mal nicht – war ja klar! Weil schon mal wach bin, pflege ich die Zeitgutschrift in meinen Wecker ein. Was man hat, hat man! Letztlich döse ich dann doch wieder weg. – – –

RING — RING — RING-RING-RIIIIIIING!!!

Ich schrecke von meinem Kissen hoch. Aha, die Klingel hat offensichtlich noch Leben in sich. Mit verquollenen Äuglein versuche ich, die Leuchtziffern auf dem Wecker zu erkennen. Hä? Schon wieder drei Uhr? Durchlebe ich gerade Bill Murrays Murmeltier-Tag? Ach ja, diese beknackte Zeitgutschrift! Hundemüde lasse ich mich aus dem Bett plumpsen und ziehe mich am stummen Diener hoch. Schicksalsergeben schlurfe ich zur Haustür. Gut, dass ich Morgenmantel und Pantoffeln noch nicht ausgezogen habe.

»Moggäään!«

Oh Herr, bitte nicht schon wieder dieser hartnäckige Irre von der Zeitagentur! Und natürlich hat er seinen Fuß wieder im Türspalt.

»Sag mal, Kunta Kinte, was stimmt nicht mit dir? Hast du ’ne massive Schlafstörung? Oder hast du kein Zuhause? WARUM RAFFST DU NICHT, DASS ICH MEINE RUHE HABEN WILL!?«

»Musse noch Sch-dundä abgebbe für Nachbarre, abba seit eine Sch-dundä diese nigesse mache auf. Du nehme Sch-dundä für gute Nachbarre, okay?«

Nur mit Mühe gelingt es mir, meine Contenance zu bewahren. Eigentlich will ich jetzt jemanden an den Kragen.

»Kollege, jetzt mal ganz prinzipiell: Was du mit dieser ‚Sch-dundä‘ machst, ist mir völlig piepenhagen, und zwar so was von! Wenn du mich noch einmal mitten in der Nacht aus meiner Heia klingelst, dann ziehe ich dir die Testikel auf links! Ist das angekommen? So, hier haste zehn Tacken für den Schreck. Mach dir damit noch ’ne geile Nacht und lass mich endlich schlafen!«

Nach dieser eindringlichen Drohung bleibe ich von weiteren Störungen verschont und schlafe tief und fest. – – 

Das anregende Aroma frisch gebrühten Kaffees erfüllt das Schlafzimmer und kitzelt meine Nase. Ein schnelles Blinzeln bestätigt mir, dass es sich nicht um eine delirische Halluzinaton handelt. Auf dem Nachttisch steht tatsächlich ein dampfender, verführerisch duftender Espresso, ein echter Lebensretter! Kann eigentlich nicht sein, ist wohl doch nur ein Trugbild? Zitternd tasten sich meine Finger voran, bis sie Widerstand spüren. Die Fatamorgana ist heiß. Freudig greife ich zu und führe die Tasse an die Restbestände meiner Unterlippe – aaaah, das tut gut!

»Sag mal, Schatz«, will das Koffeinheißgetränk unvermittelt wissen, »willst du heute gar nicht mehr aufwachen?«

Dabei imitiert es perfekt der Angetrauten Tonfall. Seit wann kann Kaffee …? Schlagartig bin ich wach! Mist, die Gattin ist bereits zurück von ihrem Weekendausflug. Ist es tatsächlich schon so spät? Und ich flacke noch im Bett!

»Ich bin schon seit Stunden wieder hier, aber du warst einfach nicht wach zu bekommen. Ich habe geklingelt und geklingelt und hatte mir schon Sorgen um dich gemacht. Ich hatte nur den Autoschlüssel dabei. Gottseidank hat unsere Nachbarin den Notfallschlüssel.«

Ihre Stimme klingt tatsächlich etwas besorgt. Vermutlich deswegen haben ihre nächsten Sätze einen nur mäßig vorwurfsvoll klingenden Unterton:

»Du lagst hier in diesem unbeschreiblichen Chaos und hast gebrabbelt, dass ich meinen Hintern aus der Reichweite deiner Füße bringen solle und du nicht bereit seiest, auch nur eine einzige weitere Stunde für irgendwelche Leute anzunehmen!?«

Ich versuche ihr zu erklären, was mir in der Nacht widerfahren ist, aber ihrem Gesichtsausdruck ist deutlich anzumerken, dass sie sowohl meine Geschichte als auch meinen Geisteszustand anzweifelt: »Trink jetzt deinen Kaffee und dann komm in die Puschen. Du musst im Haus noch alle Uhren umstellen, schließlich bist du der Techniker! Und ziehe bitte meinen Morgenmantel aus. Über einen neuen sprechen wir später!«

Von mir aus kann sich die Welt diese Stunde irgendwohin stecken – ich brauche sie wirklich nicht! Allerseits noch viel Spaß beim Uhrenstellen!