♪ Ausgehen
(AnnenMayKantereit)
Sonntagmorgen.
Ich liege noch schlummernd im Bett.
Etwas Feuchtes knabbert mich wach.
Ich bekomme die Augen nicht auf, vermute aber, dass es Ellas Schnauze ist.
Früher war das mal Töchterchens Part, ganz früher Frauchens.
Ist beides schon ’ne Weile her. Tempora mutantur … ihr wisst schon, Zeiten ändern sich und so weiter – seufz.
Irgendwann stellt der körperwarme Lappen seine Wiederbelebungsversuche ein und trottet aus dem Zimmer.
Vorsichtig taste ich mich ins Bad, die Augen zu Sehschlitzen verengt.
Beim linken Auge weitet sich der Spalt nach mehrmaligem Blinzeln zu einer verwendbaren Einsatzgröße. Das rechte ist taub. Schon seit Jahren. Ist ’ne andere Geschichte.
Erst mal ’n vorsichtiger Blick durch die Milchglasscheibe – ahhhh, zu viel Licht!
Draußen verstrahlt die Sonne verschwenderisch Myriaden Megawatt. Als kenne sie keinerlei Energieprobleme.
Reflexartig klappt der Augendeckel wieder runter und schlägt dröhnend aufs untere Lid.
Ich suche mein Gleichgewicht und finde es am Waschbecken. Allmählich gewinne ich die Kontrolle über die Pupillenabdeckung.
Ein Blick in den Spiegel und wieder blenden die Augen auf Null. Der Widerschein ist nix für einen nüchternen Magen.
Obwohl … nüchtern? War wohl ein Fünfkommanull zuviel gestern. Egal, ist ja nur zweiundfünzigmal Weekend im Jahr! Heike war bereits mit Ella Gassi und rumort jetzt in der Küche.
»Moggäään«, krächze ich durch Tür und Gang. »Kaffee?«, hänge ich fragend an.
Zurück schallt ein fröhliches »Morgen, Schatz!«
Unklar bleibt, wie der Zwei-Wort-Satz gemeint war. Ob ich bis morgen auf den Kreislaufbeschleuniger warten solle?
Man wird sehen. Ich dusche und kehre allmählich zurück ins Leben. Anschließend schaffe ich es sogar, die Rasur ohne wesentlichen Blutverlust abzuschließen.
Nur beim Zähneputzen überkommt mich leichte Übelkeit, als Heike fragt: »Frühstück drinnen oder draußen?« – Frühstück? Wäre eventuell gleich wieder draußen. Erstmal nur Kaffee!
Sie meinte übrigens Esszimmer oder Balkon.
»Draußen!«, rufe ich zurück.
Frisch poliert und angezogen setze ich mich an den Balkontisch. Heike stellt ein Weizenglas vor mich hin.
Ich schaue sie fragend an.
»Man(n) soll doch bekanntlich mit dem anfangen, mit dem Mann aufgehört hat!«
Aha, Schocktherapie!
»Danke«, erwidere ich mit einem angedeuteten Würgreflex, »ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen.«
Ha-ha, nettes Wortspiel: Würgen, durch den Kopf gehen lassen. Verstanden? Nein? Egal.
Ich lehne dankend ab. Momentan würden mir Kaffee und Aspirin genügen. Wenn’s ginge, in getrennten Gefäßen, verbindlichsten Dank!
Wenigstens kriege ich trotz meines Zustands den obligatorischen Morgenkuss.
Wo eigentlich unsere Tochter sei?
Die sei wohl noch müde, meint Heike. Jedenfalls kämen von unten noch keine Lebenszeichen. Mit unten meint sie die Gewölbe im Souterrain.
Dort haust unser Töchterlein. Und andere Ungeheuer, solche in Spinnengestalt. Die sorgen von Zeit zu Zeit für Hysterieanfälle.
Letztere, nicht die Tochter.
Vor kurzem erst hatten wir unsere fast Erwachsene in die Einliegerwohnung verfrachtet. Um mehr Ruhe zu haben. Das ewige Kommen und Gehen der Kumpels und Freundinnen wurde zu lästig. Auch weil wie ständig die Tür für ihre Besuche öffnen mussten! Irgendwie schaffte es unser End-Teenager, beharrlich das Läuten der Türklingel auszublenden.
Mehr Ruhe, ha! Auch so ein Schuss ins Knie – die Wohnung hat einen eigenen Eingang! Was bedeutet, dass Herr Hinz und Kumpeline Kunz nach Belieben kommen und gehen. Das macht aus der Einlieger- schon eher eine Mehr-Lieger-Wohnung.
Sturmfreie Bude, zu jeder Tageszeit!
Auch nachts!
Ständig Party mit Bässen, die Stahlbeton wie nix durchdringen. Und das vierundzwanzig-sieben!
Außer, wenn Bauwagen ist, dann herrscht kurzzeitig Ruhe. Es lebe das Peter-Lustig-Habitat am Feldweg! Allerdings ist dann die Idee der elterlichen Kontrolle, will sagen ›Fürsorge‹, eher Makulatur.
Egal, jedenfalls sehnte ich mich danach endlich wieder ungestört in meine eigene Küche zu gehen.
Ohne Gefahr zu laufen, pickelgesichtigen Fremdlingen zu begegnen. Die den Kühlschrank leerplündern und mich dabei mit »Ey Alda, was geht?« begrüßen. Gefolgt von fordernden Hinweisen wie »Übrigens, Nutella is‘ alle«.
Irgendwann während des Frühstücks erscheint Tochter doch noch auf der Bildfläche. Wieso hat die einen so verschwommenen Umriss? Durch kurzes Kopfschütteln versuche ich, klarer zu sehen. Der Umriss stellt sich als weitere Person heraus, die jetzt hinter ihr hervortritt.
Ein Adoleszent männlichen Geschlechts – ah ja, jetzt sehe ich klar!
Woher kommt denn der muntere Knabe so früh am Morgen?
Hat der etwa … !?
»Hi, das ist … (Name der Redaktion bekannt). Ich habe ihn gestern mitgenommen. War schon spät und es ging kein Bus mehr. Ihr habt schon gepennt. Wollte euch nicht wecken.«
Wie beiläufig präsentiert Tochter die Jungfassung eines Adonis.
Mitgenommen, ha – die Formulierung wäre mir auch als erstes eingefallen. Argwöhnisch betrachte ich Jungmanns leicht derangierten körperlichen Zustand.
Der würde sich am liebsten unsichtbar machen. Die Saugmale am Hals des jungen Mannes sprechen Bände.
Ich stelle mir vor, dass er eine kurze, aber anspruchsvolle Nacht hinter sich hat.
An seinem Blick erkenne ich, dass er weiß, dass ich weiß, dass er weiß …
Na, wenigstens scheint er keine intellektuelle Lusche zu sein, stelle ich anerkennend fest. Geschmack hat unsere Tochter wenigstens.
Trotzdem, der jedem Vater einer Tochter innewohnende Sizilianer setzt sich behend auf meine Schulter und flüstert mir ins Ohr: »Eigentlich könntest Du den doch ein bisschen quälen, oder?«
Ein wenig piesacken? Gute Idee – wenn der Knabe schon ohne mich zu fragen von meinem Tisch nascht!
Habe ich das eben laut gedacht?
Sämtliche Aktivitäten am Tisch frieren zu einem Standbild ein. Alle Blicke sind auf mich gerichtet.
Ich überspiele die Situation, indem ich dem Jungspund einen Platz anbiete.
Direkt dort, wo der Sonnenschirm keinen Schatten mehr spendet und ihm so das Schwitzen erleichtert wird.
Der gute Mensch in mir mahnt mich zur Mäßigung. Ob ich nicht zu gemein sei?
Wenn schon – wer die Hitze nicht aushält, muss raus der Küche.
Sicherheitshalber presse ich bei diesem Gedanken die Lippen fest aufeinander, was meinem Gesicht einen leicht grausamen Zug verleiht.
»Na, … etwas müde, der junge Herr?«, eröffne ich gedehnt das hochnotpeinliche Verhör.
Jüngling »X« zuckt leicht zusammen. Vor meinem geistigen Auge ensteht das Bild von der Katze und der Maus. Maus angstvoll in der Ecke, Katze lässig vor ihr lauernd.
Ja, das Bild passt und es gefällt mir. Nur, dass noch nicht raus ist, ob die Maus hier mit dem Leben davonkommen wird.
Es gehe schon, stottert mein auserkorenes Opfer.
»Vadda«, warnt mich meine Tochter, »Sei lieb zu ihm! Das ist jetzt meiner, also schrecke ihn nicht gleich ab!«
»So so, ER kommt also jetzt öfter – ist das so, junger Mann?«, setze ich nach, die Stimme kratzig wie Robert de Niro.
»Ja … ich denke … ich weiß jetzt nicht … das … das …«
Mein Opfer bricht ab. Ist wohl schon mürbe, schicksalsergeben.
Was soll er auch sagen?
Dass er nie mehr wieder kommen wird, wenn er es nur schafft, hier und heute noch einmal mit heiler Haut davon zu kommen!
Es war sicher nicht die Antwort, die er hätte geben sollen, aber solch Anfängerfehler macht man nun mal in jungen Jahren.
Die korrekte Antwort, vorzutragen mit ruhiger, fester Stimme, wäre gewesen: »Natürlich! Wenn ihre Tochter zustimmt, für den Rest meines Lebens!«
Aber so geistesgegenwärtig ist Mann erst nach nach vielen Jahren Training.
Das muss sitzen und wie aus der Pistole geschossen kommen.
Armer Kerl – fast tut er mir jetzt leid.
Aber nur fast.
»Wie stellst du dir eure Zukunft vor?«
»Zieht ihr zusammen?«
»Willst du Kinder?«
»Wieviel verdienst du im Monat?«
»Oder deine Eltern?«
»Hast du Geschwister, mit denen du einmal das Erbe teilen musst?«
Heike rollt mit den Augen, als führen die in einer Miniatur-Achterbahn.
»Jetzt ist aber gut!«, bestimmt sie, »Wenn du nicht gut tust, darfst du die nächsten vier Wochen nicht mehr alleine fort«
»Siehst du, mein Junge«, wende ich mich mit einem kalten Lächeln wieder dem Verzweifelnden zu, »so ist das in meiner Familie, da bestimmen die Frauen!«
Heike zieht hörbar die Luft ein. Mein Opfer versucht, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken:
»Was machen Sie eigentlich beruflich?«
»Hat unsere Tochter dir das nicht gesagt? Richtig, natürlich, ich vergaß – sie darf nicht darüber sprechen!«
»Omerta, du versteht?«
»Schweigen ist Leben!«
»Ich dürfte dir das sonst nicht sagen, aber du gehörst jetzt ja zur Familie!«
»Du bist du nun im Kreis. Wer einmal im Kreis ist, der verlässt ihn auch nicht mehr!«
»Du willst wissen, von was wir leben?«
»Nun, kurz gesagt, meine Frau und ich killen für die Mafia.«
Mutter und Tochter bekommen tellergroße Augen.
»Nein nein, alles ist gut«, versichere ich dem Entsetzten schnell.
»Flavias Freunde leben alle noch – fast alle!«
» Vadda«, rufen Tocher und Gattin wie aus einem Mund, »jetzt ist aber gut!«
Ich lache, bis mir die Bauchdecke krampft und auch des Jünglings Spannung löst sich irgendwann. In einem erlösenden, trotzdem verklemmt wirkenden Lachen.
Kurze Zeit später verabschiedet er sich artig und mit Handschlag. Tochter bekommt einen hastig auf die Wange gehauchten Kuss.
Na also, geht doch! Vater zu sein hat auch seine Vorteile. Heimvorteile.
Jetzt bestelle ich bei Heike doch noch ein Weizen.
Was für ein schöner Tag!
P.S. Diese Geschichte ist vollkommen fiktiv, aber wahr. Jede Ähnlichkeit mit noch lebenden oder toten Personen oder noch zu tö… wäre zufällig und ist nicht beabsichtigt.